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  • Sönke Stiller

Gendern in Einfacher Sprache

Eine Gemeinsamkeit und ein Zielkonflikt


Münster, 02.12.2022

Auf Twitter stellte Dr. Mansour Neubauer am 24.11.2022 einen fundamentalen Widerspruch zwischen Einfacher Sprache und Gendersprache her. Der Spaß am Lesen Verlag und die Agentur klar und deutlich plädieren für einen pragmatischen Umgang mit gendern in Einfacher Sprache.


Dr. Mansour Neubauer, Gründer des inzwischen aufgelösten Netzwerks Einfache Sprache, schrieb kürzlich auf Twitter: „Gendern spaltet Deutschland. […] Endlich erklärt ein Linguist das gesamte Dilemma - auf einer einzigen Seite“. Darunter ein Schaubild, in dem die Rede war von „jenem traurigen Augenblick, in dem Soziologen samt Anhänger [sic!] und Biologen samt Anhänger [sic!] leichtfertig ihren Kulturkampf ins Feld der Sprache trugen.“ Aus dem weiteren Zusammenhang geht hervor, dass für Herrn Dr. Neubauer Einfache Sprache und Gendersprache ein fundamentaler Widerspruch sind.


Es ist uns wichtig, zu betonen, dass wir Herrn Dr. Neubauer kennen und seine Expertise schätzen. Trotzdem halten wir seine oben genannten Äußerungen für problematisch. Unter den Grafiken von Herrn Dr. Neubauer war die Domain seiner Website angegeben (einfache-sprache.com), die unserer Domain einfachesprache.com leider sehr ähnlich ist. Nachdem wir daraufhin Zuschriften zum Thema erhalten haben, und um Verwechslungen auszuschließen, äußern wir uns mit einem eigenen Beitrag.


Einfache Sprache will Verständlichkeit für alle

Es geht der Einfachen Sprache um Verständlichkeit. Die Grundidee dabei ist inklusiv: Einfache Sprache will so viele Menschen wie möglich „mitnehmen“. Alle Menschen sollen mitreden können. Alle Menschen sollen sich einbringen können. Dafür ist eine allgemein verständliche öffentliche Kommunikation die Voraussetzung.


Ausgrenzung vermeiden

Man kann also mit Sprache Menschen ausgrenzen, weil man zu kompliziert spricht und schreibt. Ein großer Teil der Bevölkerung versteht dann die Informationen nicht mehr. Deshalb kämpfen wir für Einfache Sprache.


Man kann aber auch Menschen ausgrenzen oder abwerten, weil man sie nicht nennt. Es mag ein plakatives Beispiel sein, aber wenn man „Chefs und Putzfrauen“ sagt, entsteht ein Bild im Kopf. Dieses Bild ist problematisch: Zum einen könnten sich eine Chefin und eine männliche Putzkraft davon nicht angesprochen fühlen; das wäre Ausgrenzung. Zum anderen fühlen viele Menschen bei einer solchen Formulierung eine Hierarchie: Mann oben, Frau unten. Das ist eine Abwertung und letztlich eine Form der Diskriminierung.

Die spannende Frage ist nun, wie Sprache so viele Menschen wie möglich mitnehmen kann. Noch einmal: Es geht darum, möglichst niemanden auszugrenzen. Das ist ein Anliegen, das Einfache Sprache und Gendersprache gemeinsam haben.


Ein auflösbarer Zielkonflikt

Trotz des gemeinsamen Anliegens gibt es ein deutlich sichtbares „Problem“: Einfache Sprache vermeidet alles, was einen Text kompliziert macht. Und Gendersprache ist kompliziert. Sie braucht Sonderzeichen, Doppelnennungen oder ähnliches – was den Text verlängert oder Zeichen nutzt, die nicht zur bisherigen Standardsprache gehören. An dieser Stelle besteht tatsächlich ein Zielkonflikt. Allerdings ist er aus unserer Sicht auflösbar, wenn man pragmatisch schreibt und spricht.


Für uns bedeutet „pragmatisch“ folgendes:

  1. Grundsätzlich nutzen wir so viele neutrale Begriffe wie möglich. Also lieber „Pflegekräfte“ als „Pflegerinnen und Pfleger“; besser „Angestellte“ statt „Arbeitnehmer*innen“.

  2. In Leichter Sprache nutzen wir nur das generische Maskulinum. Denn hier gilt: Alles, was einen Text kompliziert macht, muss weg. Das gilt in Leichter Sprache auch für lange Erklärungen „warum wir nur die männliche Form nutzen“.

  3. In Einfacher Sprache nennen wir die weibliche und die männliche Form. Auch das hat Nachteile: Es verlängert den Text, es erzeugt Wiederholungen und es nennt keine Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Warum also diese Variante? Sie ist ein Kompromiss, der ohne Sonderzeichen auskommt. Die Vielzahl der unterschiedlichen Sonderzeichen ist aus Sicht der Einfachen Sprache tatsächlich ein Problem. Und die Doppelnennung ist eine Form, die flüssig lesbar und nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung korrekt ist.

  4. Sollte es in Zukunft eine verbindliche Regel in der deutschen Rechtschreibung geben, werden wir sie übernehmen.

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