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  • Sönke Stiller

Leichte Sprache mit Qualität, Teil 2

Teil 2: Ursachen für schlechte Qualität

Im ersten Teil habe ich Beispiele für schlecht übersetzte Texte in Leichter Sprache genannt. Wenn Sie meinen Text gelesen haben, erinnern Sie sich bestimmt an „Cookies sind Kekse“. Ich habe außerdem beschrieben, warum schlechte Texte in Leichter Sprache ein echtes Problem sind.


In diesem zweiten Teil betreibe ich ein wenig Ursachenforschung. Das ist zu einem gewissen Grad spekulativ, weil ich nicht dabei war, als die von mir kritisierten Texte entstanden sind. Aber aufgrund langjähriger Erfahrung kann ich vier begründete Vermutungen äußern:


1. Gute Mitarbeiter sind rar

Wir bekommen immer wieder Bewerbungen von Menschen, die für uns in Leichter oder Einfacher Sprache schreiben wollen. Das ist schön, denn wir sind auf gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen – und eine Bewerbung ist außerdem immer auch Ausdruck von Interesse an unserer Arbeit und am Thema Leichte Sprache.


Jeden dieser Menschen bitten wir um eine Probeübersetzung. Wir erwarten von einem Probetext keine Qualitäts-Wunder, trotzdem scheitern die allermeisten Bewerberinnen und Bewerbern an dieser Hürde. Das zeigt erst einmal nur: Stilistisch gut und gleichzeitig verständlich schreiben können nicht viele. Es ist eine komplexe und anspruchsvolle Arbeit.


Erschreckenderweise sind deutlich mehr als 50% der eingereichten Probetexte völlig inakzeptabel. Viele Bewerberinnen und Bewerber kennen nicht die grundlegenden Regeln für Leichte Sprache; die gerade entstehenden KIs liefern bessere Ergebnisse. Einige Bewerberinnen und Bewerber erfassen nicht einmal den Sinn des Ausgangsmaterials und schreiben Dinge, die nicht im Basistext stehen oder verfälschen Aussagen bis zur Unkenntlichkeit.


2. Fehlende Qualifikation

Um noch kurz bei unseren Bewerberinnen und Bewerbern zu bleiben: Wir fragen nach, welche Qualifikation ein Mensch hat, der sich bei uns bewirbt. Wer von der Pike auf gelernt hat zu schreiben, schlägt sich beim Probetext oft besser. Journalistinnen und Journalisten sind oft gut darin, Informationen strukturiert aufzubereiten. Wer ein Zertifikat als Übersetzerin oder Übersetzer für Leichte Sprache vorweisen kann, kennt und beachtet die Regeln. Es gibt Ausnahmen – echte Naturtalente, die nach einem ordentlichen Briefing sofort gute Arbeit abliefern. Aber sie sind sehr, sehr selten.


Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn Menschen einfach nur einen Versuch unternehmen, etwas Neues zu wagen und dabei scheitern; vielleicht etwas lernen, sich fortbilden oder den Versuch wieder aufgeben.


Problematisch wird es, wenn diejenigen, die weder qualifiziert noch Naturtalent sind, als Anbieter am Markt für Übersetzungen in Leichte Sprache auftauchen: mit schönen Websites, Dumpingpreisen und schlechten Texten. Problematisch ist das, weil es ein schlechtes Licht auf die Leichte Sprache als solche wirft. Und es ist ärgerlich für diejenigen in unserer Branche, die gute Qualität abliefern. Und damit meinen wir nicht nur uns, sondern ausdrücklich auch einige unserer Konkurrenten.


3. Einzelkämpfer machen Fehler

Viele Anbieter von Texten in Leichter Sprache sind Ein-Personen-Unternehmen. Aber auch die beste Übersetzerin macht Fehler, auch der beste Redakteur hat mal einen schlechten Tag. Wenn ein Mensch allein an einem Text arbeitet, passieren zwangsläufig Fehler. Auch wir haben in der Vergangenheit auf diese Weise schon Texte abgegeben, auf die wir im Nachhinein nicht stolz sind. Ich werde Ihnen nicht verraten, welche unserer Texte ich damit meine. Was ich sagen möchte, ist dies: Wir haben daraus gelernt, dass ein zweiter Blick ungemein hilfreich ist.


Deshalb arbeiten wir seit einigen Jahren grundsätzlich nach dem Vier-Augen-Prinzip. Eine Mitarbeiterin übersetzt einen Text und ein anderer Mitarbeiter überarbeitet, korrigiert und verbessert den Entwurf. Erst dann schicken wir einen übersetzten Text das erste Mal zur Begutachtung an den Kunden oder die Kundin.


Diese Arbeitsweise kostet Zeit und Geld, aber sie lohnt sich. Die Qualität unserer Texte hat sich seit der Einführung des Vier-Augen-Prinzips deutlich erhöht. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diese Weise ein Feedback zu ihrer Arbeit bekommen – positiv wie negativ – und voneinander lernen können. So reduziert sich langfristig auch der Aufwand für die „doppelte Arbeit“ wieder.


4. Dumping

Es gibt Anbieter am Markt für Leichte Sprache, die eine Normseite für 50,- € oder sogar noch billiger anbieten (und ja: hier ist „billig“ genau das richtige Wort). Vielleicht werde ich an anderer Stelle diesen Preis mal in seine Einzelteile zerlegen. Für jetzt stelle ich die Aussage einfach mal in den Raum: Für 50,- € pro Normseite kann man Texte in Leichter Sprache nicht ansatzweise seriös anbieten.


Wer zu solchen Preisen arbeitet, dessen Firma macht zwangsläufig Verluste, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen unterhalb des Mindestlohns arbeiten oder überirdisch schnell sein, sie dürfen keinen bezahlten Urlaub haben, die Prüfgruppe kann nicht bezahlt werden und das Vier-Augen-Prinzip ist völlig unmöglich. Glauben Sie mir, ich habe es durchgerechnet.


Daraus folgen mehrere Probleme: Ein solcher Anbieter wird wirtschaftlich scheitern, macht aber derweil den Markt für alle seriösen Anbieter kaputt, muss Menschen unmenschlich behandeln und schlechte Arbeit abliefern. Auch Dumping ist also eine Ursache für schlechte Texte in Leichter Sprache.


Heute habe ich mich möglichen Ursachen für schlechte Qualität gewidmet. In zwei Wochen schreibe ich über etwas erfreulicheres: Lösungen. Genau gesagt schreibe ich über Dinge, die Auftraggeberinnen und Auftraggeber tun können, um gute Texte zu bekommen. Ich schreibe über Chancen und Grenzen von Standardisierungen. Und ich schreibe über Ideen, wie qualitativ gute Anbieter sich durchsetzen können.


Wenn Sie sich auch über schlechte Texte in Leichter Sprache ärgern und weitere Ursachen dafür kennen, kommentieren Sie gern. Und abonnieren Sie den Feed unseres Blogs, damit Sie den letzten Teil dieser Miniserie nicht verpassen.


Ihr Sönke Stiller

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