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  • AutorenbildSönke Stiller

Gering literalisierte Viertklässler

Aus aktuellem Anlass schreibe ich heute über etwas, das erst in zehn Jahren Auswirkungen auf meine tägliche Arbeit haben wird: die Ergebnisse der IGLU, der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung.


Danach sinken die Lesekompetenzen der Viertklässler seit einigen Jahren. Jeder vierte Grundschüler liest so schlecht, dass es in späteren Schuljahren Schwierigkeiten geben wird. Dabei lesen deutsche Grundschüler grundsätzlich gern: 63 % lesen mindesten eine halbe Stunde pro Tag außerhalb der Schule. Zwischen den 25 % „Schlechtlesern“ und den 37 % „Nicht-zuhause-Lesern“ dürfte es eine ziemlich große Schnittmenge geben.


Wenn aus den schlecht lesenden Viertklässlern von heute gering literalisierte Erwachsene von morgen werden, haben wir ein echtes Problem. In Zeiten von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und co wird die Kulturfertigkeit „lesen“ immer wichtiger, auch in handwerklichen Berufen. Lesen ist die Voraussetzung für Medienkompetenz, für lebenslanges Lernen und für Eigenständigkeit in jeder Hinsicht. In Zeiten des Fachkräftemangels muss unser Land ein überragendes Interesse an gut gebildeten Kindern haben.


Vier Vorschläge, was wir tun können

1. Sprachförderung schon in der Kita

Der Anteil an Schülerinnen, die zuhause nicht Deutsch sprechen, steigt. Eine faire Chance für alle Kinder bedeutet auch: alle Kinder müssen gut Deutsch verstehen und sprechen. Im Zweifelsfall hilft Kindern mit geringen Deutschkenntnissen ein Jahr Vorschule mit intensiver Sprachförderung mehr als eine schnelle Einschulung.


2. Mehr in der Schule lesen

In deutschen Grundschulen wird nicht einmal zweieinhalb Stunden pro Woche gelesen. Um die Unterschiede zwischen den zuhause lesenden und den nicht lesenden Kindern auszugleichen, ist das viel zu wenig. Lesen lernen hat viel mit Übung zu tun und deshalb ist es wichtig, hier Zeit zu investieren. Es ist gut investierte Zeit und die Maßnahme kostet kein Geld.


3. Kein Kind aufgeben

Wer in der vierten Klasse noch nicht gut lernen kann, hat noch mindestens sechs Schuljahre vor sich. Diese Zeit gilt es zu nutzen. Auch an weiterführenden Schulen kann man lesen lernen. Im Zweifel kann eine Differenzierung des Sprachniveaus helfen. Lektüren, die das ermöglichen, finden Lehrkräfte zum Beispiel beim Spaß am Lesen Verlag. Und vielleicht wären spezielle Lese-Förderprogramme für die Klassen 5 bis 7 sehr hilfreich.


4. Immer wieder Angebote machen

Diejenigen, die ohne ausreichende Lesefähigkeiten die Schule verlassen, brauchen verständliche Texte. Da sind wir dann bei meiner täglichen Arbeit: Einfache Sprache nimmt ihre Leserinnen mit. Wer sie nicht braucht, ärgert sich in der Regel nicht, wenn ein Text gut lesbar ist. Und wer die Einfache Sprache braucht, für den ist sie eine Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Nebenbei kann sie dazu beitragen, dass Menschen lesen, die es sonst meiden würden. Und so kann Einfache Sprache auch einen Lerneffekt für ihre Nutzer haben.


Wenn diese Vorschläge umgesetzt werden, habe ich in zehn Jahren ganz sicher weniger Arbeit. Aber ich finde, das wäre ein gutes Zeichen.


Herzliche Grüße

Sönke Stiller

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