top of page
Suche
  • AutorenbildSönke Stiller

Die Flop-5 der Gründe gegen Einfache Sprache

Immer wieder begegnen mir Kundinnen und Kunden, die Einfache Sprache in ihrer Organisation voranbringen möchten. Und immer wieder treffen diese engagierten Menschen auf Widerstand. Im Laufe der Jahre habe ich eine kleine Sammlung an scheinbar guten Gründen gegen die Einfache Sprache angelegt. Hier sind meine persönlichen Flop-5. Übrigens: Ich schreibe hier tatsächlich nur über Einfache Sprache, nicht über Leichte Sprache. Über Leichte Sprache werde ich bei einer anderen Gelegenheit schreiben, der Widerstand ist nämlich unterschiedlich.


1. Wir haben schon immer so geschrieben. Warum sollen wir das jetzt ändern?

Der Klassiker. Wer schon mal eine Veränderung durchsetzen wollte, kennt ihn. Es ist sehr einfach, diese Position einzunehmen. Es ist aber sehr einfach, ihr zu begegnen. Wenn man sie wörtlich nimmt, fragt sie nach dem Sinn („Warum?“). Vom Sinn der Einfachen Sprache bin ich überzeugt:


6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland sind gering literalisiert. Sie kennen die Buchstaben, aber können keine zusammenhängenden Texte verstehen. Weitere 10,6 Millionen Erwachsene schreiben so fehlerhaft, dass es auffällt. Insgesamt reden wir also über eine Zielgruppe von ca. 17 Millionen Menschen in Deutschland, Rentnerinnen und Rentner nicht mitgezählt.


Die Aussage bedeutet also: „Wir haben schon immer so geschrieben, dass mindestens ein Drittel der Menschen unsere Texte nicht versteht.“ Ist das wirklich ein Wert, an dem wir festhalten wollen? Wollen wir wirklich so viele Menschen einfach aufgeben? Abgesehen davon, dass das menschlich zynisch wäre, lassen wir ein riesiges Potenzial ungenutzt. Auf der einen Seite fehlen der Wirtschaft Fachkräfte und auf der anderen Seite gibt es viel zu viele Menschen, die über unzureichende Lesefähigkeiten verfügen – und so nicht in der Lage sind, selbstbestimmt und eigeninitiativ zu lernen. Einfache Sprache kann für diese Menschen eine „Brücke“ zum Lernen sein: Sie hilft Menschen, zu lernen und ihr Potenzial auszuschöpfen.


2. Wenn wir das Niveau senken, verdummen die Leute!

Ist es nicht logisch: Wenn wir Einfache Sprache nutzen, dann muss sich niemand mehr anstrengen. Und dann gehen Kompetenzen verloren. Einfache Sprache verschärft das Problem doch nur. Oder?


Dieser Aussage liegt ein Denkfehler zugrunde. Einfache Sprache ist nicht gleichbedeutend mit oberflächlichen Informationen. Einfache Sprache erlaubt kein Geschwurbel, kein Versteckspiel hinter Satzmonstern. Als Autor bin ich gezwungen, vor meinem ersten Wort gut nachzudenken. Ich muss wissen, was ich aussagen will. Erst dann kann ich schreiben. Leserinnen und Leser bekommen dann von mir einen Text, der klar und konkret ist. Einen komplexen Inhalt verständlich auszudrücken – darum geht’s. Solche Texte führen nicht dazu, dass irgendwer „verdummt“. Sie lassen Kommunikation gelingen und machen Informationen für alle zugänglicher.


Und noch etwas: Einfache Sprache hilft gleich doppelt beim Lernen. Einen gut geschriebenen Text in Einfacher Sprache liest man gern. Wer gern liest, liest mehr. Wer mehr liest, übt seine Fähigkeiten. Und: Wer einen Inhalt lernen möchte, muss ihn verstehen. Einfache Sprache fördert also lebenslanges Lernen.


3. In der Schule haben doch alle lesen und schreiben gelernt!

In Deutschland sind doch alle mindestens neun oder zehn Jahre zur Schule gegangen. Die Leute können doch alle lesen!


Stimmt – ein bisschen. Richtig ist: Die allermeisten Menschen in Deutschland kennen die Buchstaben und können einzelne Wörter, meistens auch kurze Sätze lesen. Allerdings lesen erschreckend viele Menschen, ohne den Sinn eines Textes richtig zu verstehen.


Außerdem ist das kein Argument gegen Einfache Sprache. Wer gar nicht lesen kann, dem hilft auch Einfache Sprache nicht. Einfache Sprache hilft allen, die technisch lesen können, für die es aber mühsam ist. Und Einfache Sprache kann dabei helfen, sich einen schnellen Überblick über ein Thema zu verschaffen. Einfache Sprache ist ein Mittel, das Informationen verständlich macht – und kein Ersatz für die Fähigkeit zu lesen.


4. Einfache Sprache ist zu teuer!

Wenn ich das höre, weiß ich zwei Dinge. Erstens: Da gibt es jemanden, der keine Lust auf Veränderung hat. Und zweitens: Dieser jemand hat nicht nachgedacht.


Die Einführung von Einfacher Sprache kostet – wie jede andere Veränderung auch – im ersten Moment Geld. Sie bezahlen entweder ein Unternehmen wie klar und deutlich dafür, dass es Ihnen Texte in Einfacher Sprache schreibt – oder Sie müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen lassen. Auch das kostet Zeit und Geld. Also stimmt es doch: Einfache Sprache ist teuer.


Ich sage meinen Kundinnen und Kunden an dieser Stelle: Kurzfristig stimmt das. Langfristig ist das Gegenteil wahr. Sie werden Geld einsparen. Sie werden Missverständnisse vermeiden. Ihr Personal und Ihre Kundschaft werden Sie besser verstehen. Dadurch steigen Attraktivität und Produktivität, Abläufe funktionieren besser und Sie entlasten Ihr Helpdesk. Zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben im Unternehmen, zufriedene Kundinnen und Kunden kaufen mehr.


Professor Andreas Baumert formuliert es so: „Behörden und Großunternehmen verschicken zigtausend Briefe und Formulare an Bürger und Kunden. Mit Einfacher Sprache gelingt es, die Menge der Rückfragen, Besuche, fehlerhafter Rücksendungen, falscher Kundenreaktionen – bis zu Außenständen bei Zahlungen – drastisch zu senken. Untersuchungen in den USA zeigen, dass durch Einfache Sprache Millionen Dollar im Jahr eingespart werden können.“


5. Jetzt will die Sprachpolizei mir die Fachsprache verbieten!

Erst mussten wir gendern, jetzt auch noch einfach schreiben: Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich zu sprechen oder zu schreiben habe.


Das ist eine harte Nuss, denn wer das sagt, will nicht überzeugt werden. Diese Aussage bedeutet „ich bin dagegen, weil ich dagegen bin“. Dagegen kommen Argumente nicht an. Also kann ich ihr höchstens ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen:


Niemand will Fachsprache verbieten. Auf einem Kongress für Spezialisten – sagen wir onkologische Chirurginnen und Chirurgen – dürfen die Reden ruhig kompliziert und voller Fachbegriffe sein. Warum? Weil das Publikum aus Fachleuten besteht, die ihre eigene Fachsprache verstehen.


Wenn mein Publikum aber nicht aus Fachleuten besteht, dann sollte ich mir die Mühe machen, so verständlich wie möglich zu sprechen und zu schreiben. Für mich ist das ein Zeichen des Respekts. Finden Sie nicht auch?

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

6 Tipps für Auftraggeber

Wie finden Sie einen guten Dienstleister für Texte in Leichter Sprache? In diesem Text gebe ich Ihnen Tipps, auf was Sie achten können.

Sprache für alle

Ist eine Sprache für alle möglich? Für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Akademiker (m/w/d)? Eine wirklich inklusive Sprache?

bottom of page